Jung von Matt hat relaunched und ich schaue mal unter die Haube.
Die Werbeagentur Jung von Matt, die als eine der krativsten Werbeagenturen überhaupt gilt, hat in diesen Tagen relaunched. Grund genug, mal unter die Haube zu schauen und zu prüfen, ob sie auch bei Webstandards führend sind.
Begrüßt wird der Besucher durch ein "hübsches buntes Bildchen", was wohl die fürchterlich gute Kreativität der Agentur ausdrücken soll. Erstellt ist die Startseite in reinem Flash, wobei es nicht mal als nötig erachtet wurde, einen Alternativtext hinzuzufügen. User ohne Flash oder mit deaktiviertem JavaScript sehen also nichts.
Bild oben: Die Startseite mit installiertem Flash. Inhalte sind sichtbar. Bild unten: Die selbe Seite, jedoch ohne Flash oder mit deaktiviertem JavaScript betrachtet.
Nun, mal abgesehen von der Tatsache, dass auch Google Bots die Seite wie auf unterem Bild sehen, war das mal keine gute Idee für den Erfolg, um mal mit dem Slogan von JvM zu sprechen.
Das Flash der Seite hat eine Größe von 302.2K, ist also nicht gerade als Leichtgewicht zu bezeichnen.
Update: Mittlerweile bekommen auch User ohne Flash etwas zu sehen, wenn auch nur eine Sparversion der Seite, wo immerhin auch ein Impressum im HTML 4.01 Strict ausgegeben wird. Ansonsten gibt es nur eine Kurzvorstellung der Agentur, Anschriften der einzelnen Filialen und ansonsten keinerlei Inhalt. Dafür einen hübschen horizontalen Scrollbalken bei jeder Bildschirmauflösung.
Fährt man bei der eigentlichen Webseite der Agentur mit der Maus über die einzelnen Menüpunkte, offenbart sich dort ein ganz besonderer Hover Effekt, den jeder Menüpunkt ruft ein weiteres; sehr "kreatives" Bildchen hervor. Über das Design an sich läßt sich trefflich streiten, für mich sehen diese Bildchen jedoch aus, als hätte sie ein pubertierender Mangakünstler auf Ecstasy geschaffen. Verantwortlich für die "geschmackvollen" Illustrationen zeigt sich die Wiener Künstlerin Julia Ziegler, die über Ihre Arbeiten folgendes sagt:
Jedes Bild hat ein Geheimnis und eine Geschichte, manchmal sichtbar, manchmal unsichtbar. Und sie darf für jeden anders sein.”
Klar ist, dass auch hier die Profilierungssucht der "Kreativen" wieder einmal zugeschlagen hat und noch immer nicht in den Köpfen der Entscheider die Tatsache angekommen ist, dass Webseiten nicht für den Betreiber eines Angebots gemacht werden. Mein Webkrauts Kollege Gerrit van Aaken hat es mal treffend zusammengefasst:
Das Problem dabei: Die Website ist nicht für den Betreiber des Angebotes gemacht. Und auch nicht für die ausführende Agentur. Der User muss letztlich die Website bedienen. Und ich schreibe ganz bewusst »bedienen«, nicht »erkunden«, »spielen« oder »erleben«. Und damit nähern wir uns dem Kern des großen Missverständnisses, das streng genommen schon seit Erfindung der Multimedia-CD-ROM existiert:
Der Anbieter will den User emotional beeindrucken. Der User aber scheißt auf emotionale Beeindruckung – er will schnell und einfach informiert werden.”
Nun, vom Gesichtspunkt der Accessibility und Usability ist diese Seite ein ganz klarer Fail, nicht mal das Impressum ist im XHTML zu finden, es wird mittels Lightbox eingeblendet.
Farb/Schriftkontrast Test
Auch im Bereich des Schrift/Farbkontrastes kann die Seite nur bedingt punkten. Dort, wo wirklich einmal Text vorhanden ist, ist der Kontrast gerade bei den Links miserabel. Auch hier also von Zugänglichkeit keine Spur.
Ergebnisse des Farbkontrast Testes nach den AERT und WCAG Algorithmen:
Ein Blick unter die Haube – die Codekritik:
Die meisten Codefehler sind bereits im Laufe des Tages behoben worden, unter Anderem waren heute Morgen Code Kuriositäten wie Divs innerhalb von Ankerelementen zu bewundern, was natürlich ginge; – würde die Seite statt in XHTML 1.0 Strict in HTML5 ausgeliefert werden. Zum jetzigen Zeitpunkt validieren fast alle Seiten bis auf wenige Ausnahmen. Anzumerken wäre hier nur noch, dass target="_blank" in XHTML Strict unzulässig ist. Ein Attribut ext:rel="" ist der XHTML 1.0 Spezifikation auch nicht bekannt.
Semantik, was war noch mal Semantik?
Über die Semantik der Seite kann man sich nicht beklagen, es gibt schlicht keine auf den meisten Unterseiten. Wie bereits angemerkt werden die meisten Seiten vollständig als Flash ohne jeden Alternativtext ausgeführt. Eine Ausnahme bildet hier die News-Seite, jedoch kann man auch hier nicht gerade von korrekter Semantik sprechen, nur weil hier ausnahmsweise mal Überschriften und Absätze im Quelltext stehen.
Fazit:
Eine Webseite kann per Definition nicht gut sein, wenn Anwender dazu gezwungen werden, erst einmal Flash installieren zu müssen, um überhaupt eine anständige Version einer Webseite betrachten zu können. Wenn eine Seite völlig unbenutzbar und unbrauchbar ohne Flash ist, ist es einfach und klar gesagt miserable Arbeit, die da abgeliefert wurde. Das ist nicht mehr schön zu reden, das ist schlicht und einfach unakzeptabel. Zu dem Handwerkszeug eines jeden Webdesigner sollte nun mal neben der Auslieferung von gültigem Code auch eine Grundbenutzbarkeit der erstellten Webseite gehören. Eine Benutzbarkeit, die nicht erst die Installation zusätzlicher Applikationen voraussetzt.
Und selbst wenn wie in diesem Fall nachträglich eine benutzbare Version angeboten wird, so sollte auch auf ihr anständiger Content vorzufinden sein. Denn erstens ist Content immer noch King, zweitens kommen User (und potenzielle Kunden) gerade wegen spannenden und informativen Content auf die Webseite. Die wollen auch nicht mit einer Sparversion abgefertigt werden, nur weil sie zufällig kein Flash installiert haben. Die wollen Informationen...
Was ist Eure Meinung dazu?
Link zur Seite: Jung von Matt



Ja, was soll man da noch hinzufügen? Natürlich lässt sich über Design immer trefflich streiten. Mir selbst gefallen diese “Gemälde” auch nicht sonderlich. Aber das ist eben Geschmackssache. Aber das was die Jungs von Matt da unter der Haube versuchen, zu verstecken hat nichts mit Geschmack zu tun. Das zeugt leider nicht von sonderlich kreativer Beherrschung des Web-Handwerks. Was wirklich schade ist, wenn man bedenkt, was man heute mit kreativem Einsatz moderner Web-Technologien alles machen könnte. Aber zumindest liebt JvM den IE und zwar jede einzelne Version ab IE 6 und präsentiert jedem sein eigenes CSS auf dem Goldtablett. Das ist echt großzügig. Und außerdem… So viele verschachtelte leer DIVs habe ich schon lange nicht mehr gesehen. Zumindest nicht bei einer “professionellen” Website. Insgesamt also eher Themaverfehlung. Ganz im Gegensatz zu diesem Artikel.
“Der Anbieter will den User emotional beeindrucken. Der User aber scheißt auf emotionale Beeindruckung – er will schnell und einfach informiert werden.”
Ich glaube da haben wir einen garedezu philosophischen Konflikt. Accessability = Usability = Information = “content is king”. Was solche Logik nicht bedenkt: Die humanen Softskills Emotionalität, Humor und Tonalität verhelfen zum Erfolg.
Und der Gegensatz zwischen rechter und linker Gehirnhälfte ist so überholt wie die Meinung, dass man 2% der Zielgruppen berücksichtigen muss, nur weil sie auf smartphones unterwegs sind oder generell Flash nicht unterstützen ;-)
@Sami: Du darfst neben Deinen humanen Softskills nicht vergessen, dass zuallererst mal gutes Handwerkszeug das wichtige für einen Webdesigner ist. Und hier sind wir beim Punkt: Die von JvM abgelieferte Arbeit ist einfach grottenschlecht, auch wenn sie gut aussehen mag.
Das geht bei den CC´s los, wo jede einzelne IE Version bedacht wird, weil “JvM ja den IE liebt”, weiter gehts mit der erheblichen Anzahl von leeren Div´s, die ich noch vergaß zu erwähnen und, und und… Das nur 2% der User kein Flash haben wage ich mal zu bezweifeln, viele Firmen werden kein Flash eingesetzt haben aus welchen Gründen auch immer. Das sind auch diejenigen, die uns weiterhin mit dem IE6 beglücken. Außerdem, – wenn Du zum Bäcker gehst, erwartest Du doch auch ein vernünftiges Handwerk. Sollten die sich genauso mit fadenscheinigen Argumenten rausreden dürfen wie die Webdesignende Zunft?
Seine Seiten verbildlichen – im wahren Sinne des Wortes – genau das, wie Herr von Matt Weblogs vor einiger Zeit bezeichnet hatte: “Virtuelle Klowände”
Obwohl er sich damals für seine Aussagen entschuldigt hat, scheint er dieses Bild nicht aus dem Kopf zu bekommen ;) Und mal ehrlich: Wen kümmert, was diese Agenturen treiben.